„Hü, Lotte!“ – Ein Trainingswochenende mit Etienne Hirschfeld
Stadtgut Mölkau, Westernreitsportverein L.E. e.V., 21.-23. September 2007
Samstagmorgen, 8.33 Uhr. Vogelgezwitscher, ein friedlich schnaubendes Pferd und die vage Erinnerung an eine kuschelige Bettdecke begleiten mich auf meinem Weg zum großen Reitplatz hinter dem Stadtgut Mölkau. Wann habe ich eigentlich das letzte Mal freiwillig an einem Samstagmorgen um kurz nach 6 geduscht, überlege ich noch – es wird der letzte Moment an diesem Morgen sein, an dem meine Gedanken zu derart profanen Überlegungen abschweifen können. Nur wenige Minuten später hat Etienne sämtliche Gedanken fest im Griff – meine und die meiner drei Mitreiterinnen, die mit mir zusammen an diesem Morgen Gruppe 1 unseres Reitkurses bilden.
Drei Reitergruppen will Westerntrainer Etienne Hirschfeld an diesem Wochenende jeweils vier Mal auf dem Platz sehen und nach den individuellen Bedürfnissen von Reiter und Pferd trainieren – wir machen es ihm nicht allzu einfach und wechseln innerhalb der Gruppen munter Reiter und Pferde hin und her: hier morgens eine Reitbeteiligung, da im Nachmittag ein Reitschüler, dort heute mal die Tochter auf dem Pferd… Etienne übersteht das Namens-Chaos von biblischem Ausmaß gelassen und erinnert sich auch noch an Tag 2 an alle Fehler, die Reiter X auf Pferd Y am ersten Tag morgens gegen 9.44 Uhr unterlaufen sind…
Zurück zum Samstagmorgen. Aufgereiht stehen wir unserem Trainer zum Rapport gegenüber: Wer sind wir, was können wir über unser Pferd berichten, auf welchem Stand sind wir, wo wollen wir hin, welche konkreten Schwierigkeiten bringen wir mit? Etienne fragt genau nach. Ein erstes Bild vor Augen, lässt er uns danach in Trab und Galopp vorreiten – einzeln! Ich will nach Hause. Umso mehr, als wir uns im Anschluss an unsere jeweilige Vorstellung vor dem Tribunal unserer Mitreiter aufstellen und uns einen (pädagogisch wertvollen) positiven ebenso wie einen motivierenden Negativ-Kommentar über unsere Darbietung anhören sollen. Um es vorwegzunehmen: Zu meiner und aller Anwesenden Beruhigung hat diese Methodik in keiner Situation an diesem Wochenende zu Frust geführt. Vielmehr schulte sich das Auge auch an den Fehlern der anderen und ein Vergleich zeigt schnell: Viele Dinge machen wir einfach alle in mehr oder minder großem Maße falsch. Außerdem: Jeder kann etwas wirklich prima, alle geben sich Mühe mit ihren oft so unterschiedlichen Pferden. Etienne geizt nicht mit Lob, wenn es gut läuft („Es nervt mich jetzt zwar, aber ich muss dich schon wieder loben!“), aber seine Kritik ist klar und deutlich, wenn auch gern in einen launigen Kommentar verpackt („Sag mal, der geht dir ja gleich aus!“). Er schafft es, uns zu einem konzentrierten Arbeiten mit unseren Pferden zu bewegen – die Zeit fliegt dahin. Bereits nach der ersten Kursstunde an diesem Morgen habe ich das Gefühl, viele eingefahrene – falsche – Muster erkannt zu haben. Nun gilt es, in den folgenden Stunden daran zu arbeiten. Etiennes Arbeitsformen sind vielfältig und er ist in ihrer Ausführung genau. Ihre Übungen beenden alle Kursteilnehmer erfolgreich. Auch wenn sich auf dem Platz bereits eine kleine Warteschlange nachfolgender Kursteilnehmer gebildet hat – Etienne erklärt und korrigiert bis zum guten Ende und verzichtet lieber auf seine Mittagspause. Ein Fehler: Schließlich werden wir köstlich verpflegt! Ein echter Glücksfall, wenn die Organisatorin eines solchen Wochenendes (ganz lieber Dank an Anne Kopprasch!) für alle Teilnehmer ein Rundum-Sorglos-Paket geschnürt hat und in den Part „Vollverpflegung“ gleich auch noch ihren Freund, den Profikoch, mit einbindet (ebensolieber Dank an Florian!). Genüsslich kugeln wir uns nach den Pausen wieder auf die Pferde und schaukeln feurige Nudelsoßen, deftige Suppen und gleich dreierlei Süßspeisensorten in unseren Mägen über den Reitplatz. Dabei haben sich angesichts der gelungenen Mahlzeiten anfängliche Sorgen in Wohlgefallen aufgelöst: Die so betitelte Bulette „Quarter Horse“ enthielt dann doch kein solches…
Vier Kurseinheiten zu Pferde strukturieren unser Reitwochenende: Die einen üben noch das bewusste Lenken im Westernstile des „neck rein“ durch ein Stangenkreuz mit 90-Grad-Winkeln, da galoppieren die anderen bereits im Außengalopp und bereiten sich auf fliegende Wechsel vor. Doch in Etiennes Theoriestunden sind alle Niveaus wieder vereint – er stellt uns gleich gemeinsam an die Wand… Um uns die Anatomie des Pferdes und die Notwendigkeit, unsere Reitweise und Hilfengebung darauf abzustimmen, erfahrbar zu machen, reichen ihm schließlich Modelle aus Besteckbestandteilen und Wasserflaschen nicht mehr aus: Wir balancieren mit dem Kopf an der Wand und üben das Aufrichten durch Untertreten (zur Freude aller Anwesenden, die unsere längs der Stallwand aufgereihten Hinterteile betrachten dürfen). Und wir lernen, dass es nicht reicht, sich für sich allein einen theoretischen Begriff von der Sache zu machen: Erst die Fähigkeit, einem anderen Reiter das gewonnene Wissen zu vermitteln, lässt es wirklich anwendbar werden. Ein bisschen fühle ich mich an die gute alte Gruppenarbeit in der Schule erinnert, als wir am Nachmittag den Reitern unserer Folgegruppe unser Tun vom Morgen erklären sollen und jeder einen eigenen „Schüler“ zu trainieren und zu korrigieren hat. Dabei lässt uns Etienne nicht aus dem Blick. Auch hier werden wieder anspornende Kommentare an alle Beteiligten ausgeteilt – vom „Doppel-Hü!“ bleibt schließlich auch die Chefin nicht verschont… Und am Ende steht die alles entscheidende Frage an alle engagiert Trainierenden: „Hast du Spaß? Dann sag’ das auch deinem Gesicht!“ Muss ich nicht, Etienne, angesichts dieses gelungenen Wochenendes strahle ich auch so. Und nehme, wie alle meine Mitreiterinnen und Mitreiter, eine Menge Motivation und Trainingsideen mit in die nächste Zeit. In dem „unwahrscheinlichen Fall, dass du noch mal wiederkommst“, werden wir dir die Ergebnisse präsentieren!
Für den Westernreitsportverein L.E. e.V.
Heike Günther
Die Bilder sind in der Fotogalerie zu finden.
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